Stefan Bukies: “Umfrage zum BGM in Unternehmen”

Stefan Bukies

Stefan Bukies

Interview mit Stefan Bukies

Herr Bukies, die B.A.D GmbH hat zusammen mit der Firma AbbVie Deutschland zu Beginn des Jahres eine Umfrage zum BGM in hessischen Unternehmen durchgeführt. Spielte das Thema Demografie dort eine Rolle?
STEFAN BUKIES: Ja und zwar eine sehr große. Auf die Frage, welche Herausforderungen sich derzeit im Personalmanagement stellen, antworteten 80 % mit der Antwortmöglichkeit „lebenslange Qualifizierung und Weiterbildung“ und 68 % mit „demografischer Wandel“. Interessanterweise war nur für 44 % ein hoher Krankenstand eine aktuelle Herausforderung. Wenn man nach der strategischen Bedeutung des Betrieblichen Gesundheitsmanagements fragt, hat die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten gerade im Alter die höchste Bedeutung.

Spiegelt sich diese Bedeutung des demografischen Wandels in den Unternehmen denn auch in den Maßnahmen wider?
STEFAN BUKIES: Die Umfrage wurde gezielt für Unternehmen mit einer Beschäftigtenzahl zwischen 100 und 1000 durchgeführt. Bei diesen Unternehmen sehen wir, dass das Bewusstsein über die Bedeutung von betrieblichem Gesundheitsmanagement gerade für die Bewältigung der demografischen Herausforderung bereits geschärft ist, aber Maßnahmen und erst recht strategische Gesundheitsziele der obersten Führung noch nicht realisiert werden. Nur ein Fünftel der 200 befragten Geschäftsführer oder Personalleiter haben gezielt Maßnahmen zur Bewältigung des demografischen Wandels benannt, und nur 30 % arbeiten mit strategischen Gesundheitszielen der Führung.

Was empfehlen Sie Unternehmen an Maßnahmen zur Bewältigung des demografischen Wandels?
STEFAN BUKIES: Hier ist zunächst festzuhalten, dass alles, was zur Erhaltung der Arbeitsfähigkeit und Leistungsfähigkeit sowohl an den Arbeitsplätzen als auch an den Arbeitsbedingungen verbessert wird, allen Beschäftigten unabhängig vom Alter zu Gute kommt. Wir gehen heute auch von einem erweiterten Verständnis eines demografiegerechten Personalmanagements aus, denn für alle Lebensphasen stellen sich besondere gesundheitliche Herausforderungen: bei den Jüngeren ist das Bewusstsein der Gesunderhaltung noch nicht so ausgeprägt, die Risikobereitschaft dagegen noch größer. In der frühen mittleren Lebensphase finden wir die sog. “Rush Hour“ des Lebens, in der Karriereentwicklung, Familien- und Hausstandgründung zeitgleich zu bewältigen sind. Und wir haben einen erhöhten Anteil an Beschäftigten auch über 60 Jahren, bei denen verstärkt chronische Erkrankungen zu verzeichnen sind und andere Erholungsphasen benötigt werden als in jungen Jahren.
Es sollte zunächst erhoben werden, welche der daraus folgenden Ansprüche sich für die Beschäftigten im Unternehmen speziell ergeben. Hier bieten sich Gruppeninterviews an. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Einstellung zum Alter. Vielfach leben wir heute noch mit einem defizitorientierten Modell des Alters, das aus Studien des frühen 19. Jahrhunderts stammt. Darin geht es um die abnehmende Reaktionsfähigkeit und Körperkraft im Alter. Tatsächlich spielen diese Einschränkungen in unserer heutigen Dienstleistungsgesellschaft eine deutlich geringere Rolle. Dafür werden andere Anforderungen an die Beschäftigten wichtiger, die mit dem Alter auch durchaus stark zunehmen können. Hierzu zählen beispielsweise Erfahrung, soziale Kompetenz, vernetztes Wissen oder emotionale Intelligenz. Es ist hier also zunächst ein Werte- und Einstellungswandel gerade in der Führung und dem Personalmanagement herbeizuführen. Dazu dienen besondere Workshops.
Wir machen die Erfahrung, dass die Unternehmen (und dem schließen wir uns an) im betrieblichen Gesundheitsmanagement den Fokus aber eigentlich nicht allein auf eine besondere Gruppe lenken möchten. Deshalb sind – wie gesagt – gesunde Arbeitsverhältnisse für alle im Unternehmen wichtig und bedeutsam und führen zum lebensphasenorientierten Gesundheits- und Personalmanagement.

Was sind denn zum Beispiel Vorurteile gegenüber bestimmten Altersgruppen?
STEFAN BUKIES: Ein großes Vorurteil ist zum Beispiel, dass die Unterschiede innerhalb der Altersgruppen gleich sind. Wir erkennen aber, dass innerhalb der höheren Altersgruppen sehr viel stärkere Unterschiede im Gesundheitsstatus und der Zufriedenheit mit der Gesundheit auftreten als innerhalb der jüngeren Gruppen. Das bedeutet, dass wir in der Altergruppe über 60 Jährigen sowohl sehr agile und geistig wendige Menschen antreffen können, gleichzeitig aber auch Menschen, die ihren Ruhestand herbeisehnen oder mehrere chronische Erkrankungen haben können.
Viele Unternehmen haben auch bereits erkannt, dass ältere Beschäftigte dem Unternehmen unter Umständen länger erhalten bleiben als junge Menschen, wenn diese über schnelle Arbeitgeberwechsel ihre Karriere befördern möchten.

Wir hören vielfach vom Fachkräftemangel und dass hier eine starke Personalreserve in den längeren Lebensarbeitszeiten besteht. Was sind Ihre Erfahrungen?
STEFAN BUKIES: Das Wissen und die Kompetenz Älterer stellt eine ausgesprochen wichtige Ressource für Unternehmen dar. Allerdings müssen auch diese ein Arbeitsleben lang erhalten und entwickelt werden.
Während das Wissen bei der heutigen rasanten Entwicklung der Technologie schnell veraltet, braucht es für das, was wir Kompetenz oder Expertise nennen, eine längere Entwicklung. Es wird geschätzt, dass man 10 Jahre braucht, um in einem Fach Experte zu werden. Auch in Berufen mit hohem technologischem Wandel geht es also um mehr als nur aktuelle Wissensvermehrung. Auch die soziale Kompetenz spielt in vielen Bereichen der Dienstleistungsgesellschaft eine wichtige Rolle. Zu deren Entwicklung benötigt man jedoch einen gewissen Grad an Reife und Erfahrung. Ob der damit auch erlangte realistische Blick förderlich oder mitunter auch wiederum hinderlich sein kann und als Blockade für Neuerungen wirkt, lasse ich jetzt mal so stehen. Auf jeden Fall kommt man auch in kleineren Unternehmen nicht umhin, sowohl individuelle Kompetenzprofile als auch arbeits- und aufgabenbezogene Kompetenzanforderungen zu erstellen.

In diesem Zusammenhang: Sie erwähnten, dass in Ihrer Umfrage lebenslanges Lernen eine wichtige Herausforderung darstellt.
STEFAN BUKIES: Ja. Und man ist geneigt, dies anstandslos zu bestärken. Auch hier kommt es aber auf das Wie an. Die Lernformen und –bedingungen müssen an die unterschiedlichen Lernerwartungen angepasst werden. Lebenslanges Lernen kann nicht bedeuten, von der Wiege bis zum Grabe die klassische Schulbank zu drücken. Bei der Wissensvermittlung ebenso wie auch bei gemeinsamer Kompetenzentwicklung haben erfahrenere Arbeitnehmer besondere Erwartungen bezüglich der Lernumgebung und des Lernsettings: Die Nähe zum Arbeitsplatz und zur Arbeitsaufgabe spielen eine größere Rolle, d.h. der Zweck muss gezielter, die eigene Kontrolle über Lernschritte und Lernerfolgskontrollen stärker sein. Außerdem sollte keine stark asymmetrische Beziehungen zwischen Lernendem und Lehrkörper bestehen, sondern eine Beziehung auf Augenhöhe.

Diese Themen reichen nun aber doch schon sehr weit ins Personalmanagement, wie Sie das ja auch schon die ganze Zeit betonen. Ist das denn noch alles Gesundheitsförderung?
STEFAN BUKIES: Ja, natürlich, wenn man ein erweitertes Verständnis von Gesundheitsmanagement hat. Dabei geht es ja um die Erweiterung von Führungs-, Unterstützungs- und Kernprozessen um das Thema Gesundheit.
Aber auch im Bereich der Gesundheitsförderung im eigentlichen Sinne gilt: Ein altersbezogenes Gesundheitsförderungsprogramm sieht eigentlich nicht anders aus als ein allgemeines Gesundheitsförderungsprogramm. Es sollte die verschiedenen Aspekte von Bewegung, Ernährung, Ergonomie, Umgang mit Stress, psychosozialer Beratung etc. umfassen. Ein Altersbezug lässt sich aber z.B. bei Work-Life-Balance Workshops ausmachen: Die Frage „Was will ich noch in meinem Leben erreichen?“ ist natürlich vom Alter beeinflusst. Die Reflektion zur Bedeutung von Arbeit jenseits von Karriere kann in altersspezifischen Gruppen sicherlich offener diskutiert werden.

Work-Life-Balance hat ja auch etwas mit Arbeitszeit zu tun, ist das richtig?
STEFAN BUKIES: Ja, und viele Unternehmen tragen dem – wie oben schon genannt – bereits Rechnung, beispielsweise durch flexible Arbeitszeiten oder Arbeitszeitkonten. Denn für die Älteren gewinnt Lebenszeit als Ressource natürlich eine zunehmende Bedeutung. Und auch die Motivation verändert sich: Der Blick geht von der Karriereorientierung in andere Motive über. Ältere sind dabei nicht weniger motiviert, sie möchten aber ihre Motivlage gezielter wiederfinden. Ich sage das mal überspitzt: Damit Ältere Ihr Leistungspotenzial entfalten können und wollen (!), ist es nicht mit einer Mohrrübe getan. Interessante Arbeitsinhalte, angemessene, d.h. vor allem weniger autoritäre Führung, die Kontrolle über die eigene Arbeit und ähnliches gewinnen eine zunehmende Bedeutung. Eine Möglichkeit ist hier unter anderen die Anreicherung der Arbeit um Tätigkeiten, bei denen es beispielsweise auf soziale Kompetenz oder auf die Weitergabe des gesammelten Wissens der Fachdisziplin ankommt. Dies kann durchaus zu entsprechend grundlegenden Umgestaltungen führen. Mehr Handlungsspielraum, deutlichere Wertschätzung und ein geringeres hierarchisches System sind dabei ganz wichtige Elemente. Und davon profitieren wiederum alle – jenseits der Altersfrage.

Stefan Bukies ist Berater im Zentrum für Betriebliches Gesundheitsmanagement der B.A.D GmbH Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH in Wiesbaden. Die B•A•D Gruppe betreut mit 3000 Experten in Deutschland und Europa 250.000 Betriebe mit 4 Millionen Beschäft igten zu den Erfolgsfaktoren Arbeitsschutz, Sicherheit, Gesundheit und Personal. Hand in Hand mit ihren Kunden sorgt sie für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Motivation an sicheren Arbeitsplätzen.

Auf dem 4. Demografiekongress 2014 stellt die B•A•D GmbH mit ihrem BGM-Team Wiesbaden mögliche Maßnahmen zum Thema Demografie konkret in einem Brainflow-Workshop vor. Brainflow ist ein Bewegungskonzept für mentale Höchstleistungen und setzt an der direkten Verbindung von körperlicher Akti vität und mentaler Leistung an. Aufmerksamkeit und Konzentration werden gefördert und die geistige Leistungsfähigkeit erhöht. Regelmäßig ausgeführt werden die physische und psychische Leistungsfähigkeit verbessert und die Stressresistenz erhöht.