Kongress 2013

Demografiekongress im Zeichen der Jugend

„Fachkräfte sichern – Nachwuchs für FrankfurtRheinMain“: Dieses Motto war Programm beim dritten Demografiekongress des Demografienetzwerkes FrankfurtRheinMain.

Der dritte Kongress des Demografienetzwerkes FrankfurtRheinMain am 5. März 2013 stand ganz im Zeichen der Jugend. Dies machten nicht nur die zahlreichen anwesenden Schülerinnen und Schüler deutlich, sondern auch die Vorträge und Diskussionen der anwesenden Teilnehmer. IHK-Präsident Dr. Mathias Müller stellte gleich zu Beginn seiner Eröffnungsrede klar: „Die deutsche Wirtschaft hat nicht die Kraft, auch nur auf einen jungen Erwachsenen zu verzichten.“ In Zeiten des Fachkräftemangels könne es sich ein Land, dessen wichtigste Ressource die „klugen Köpfe“ seien, nicht erlauben, Heranwachsende zurückzulassen. „Noch immer verlassen zu viele Jugendliche die Schule ohne einen Abschluss und werden als Bildungsverlierer abgestempelt. Hier müssen Schulen, Eltern und Wirtschaft enger zusammenarbeiten, um diesen Jugendlichen eine Perspektive aufzuzeigen und sie fit zu machen für die Arbeitswelt.“

Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann sah dies ähnlich: „Jeder Schulabbrecher ist einer zuviel.“ Auch er plädierte für mehr Zusammenarbeit, um jungen Menschen dabei zu helfen, einen qualifizierten Abschluss zu erlangen und eine Arbeitsstelle zu finden. Es könne nicht sein, dass es Kindern wegen ihrer Herkunft oder sozialen Situation verwehrt bleibe, erfolgreich die Schule zu absolvieren.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff gab den Teilnehmern einen spannenden Einblick in seine Praxis und Erfahrungen in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Er sprach sich zudem für eine intensivere Einbindung der Wirtschaft in Fragen der Bildungspolitik aus. Jugendliche mit Entwicklungsdefiziten könnten beispielsweise durch kurze und regelmäßige Praxisphasen in Unternehmen an Strukturen in der Arbeitswelt herangeführt werden. Wichtig sei vor allem die intensive Anleitung durch Vertrauenspersonen, damit die Jugendlichen durch das Einüben gleicher Abläufe wieder eine Routine in ihren Alltag bringen könnten.

Neben den Jugendlichen als wichtigstes Potenzial für den zukünftigen Arbeitsmarkt standen auch ausländische Fachkräfte im Mittelpunkt der Diskussion am Vormittag, die von der Tagesmoderatorin Bärbel Schäfer geleitet wurde. Dr. Frank Martin (Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit), Bernd Ehinger (Präsident der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main) und Ludger Stüve (Direktor des Regionalverbands FrankfurtRheinMain) erörterten dabei die Frage, wie die Anwerbung und Integration von Fachkräften zum Beispiel aus Spanien, Portugal oder Griechenland gelingen kann. Einig waren sie sich darin, dass eine arbeitsmarktorientierte Zuwanderung notwendig ist, um den Fachkräftemangel zu bewältigen. Dabei dürfe allerdings keine der Gruppen auf dem Arbeitsmarkt gegeneinander ausgespielt werden.

Auch Dr. Müller betonte, dass die verstärkte Zuwanderung ausländischer Fachkräfte mehr sei als „ein Tropfen auf den heißen Stein des Fachkräftemangels“. Der Zuzug von ausländischen Fachkräften sei vielmehr auch ein Zeichen einer gelebten Willkommenskultur. „Die Fachkräfte aus den südeuropäischen Krisenländern sind keine Gastarbeiter 2.0, sondern stellen mit ihren Kenntnissen und Fähigkeiten eine Bereicherung für viele Unternehmen dar, die dringend auf qualifizierte Arbeitnehmer angewiesen sind“, so der IHK-Präsident weiter. FrankfurtRheinMain sei zwar ein Arbeitsplatzmagnet und locke viele gut ausgebildete Fachkräfte an. Trotzdem müsse die Region noch enger zusammenrücken, wenn es darum geht, auch weiterhin ein attraktiver Standort für Arbeitnehmer aus dem In- und Ausland zu sein.

Am Nachmittag wurde dann nicht mehr nur über die Jugend diskutiert, sondern vor allem auch mit ihr. Im Forum „Beruf und Familie“ tauschten sich beispielsweise junge Berufsanfänger und Studierende darüber aus, welche Erwartungen sie an ihren zukünftigen Arbeitgeber haben und wie sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen möchten. Dabei wurde deutlich, dass Flexibilität im Berufsleben für die Generation Y, also die in den 1980er-Jahren Geborenen, an erster Stelle steht. „Wenn es das Projekt erfordert, bin ich auch gerne bereit Überstunden zu machen. Allerdings sollte es im Gegenzug aber auch Gelegenheiten geben, diese wieder abzufeiern und sich freizunehmen“, fasste es eine der Teilnehmerinnen zusammen.
Doch auch in den anderen Foren lag der Fokus deutlich auf der Zukunft der Berufswelt:

Im Forum „Nachwuchs“ ging es um neue Wege der Berufs- und Studienorientierung. Hier diskutierten unter anderem Schüler und Azubis über Arbeitgeberimage und Ausblidungsqualität. Im Forum „Weiterbildung“ wurden die Teilnehmenden durch das offene Barcamp-Format selbst zu Referenten. So fand eine rege Diskussion über Themen, die gemeinsam bestimmt wurden, zum Beispiel die Wirkung von Social Media auf das Arbeitsleben. Im Forum „Gesundheit“ wurden psychische Erkrankungen diskutiert – Denn Unternehmen haben längst erkannt, wie wichtig das Thema Gesundheitsmanagement ist. Die Impulsreferate der verschiedenen Referentinnen und Referenten stellten verschiedene Maßnahmen vor, die die Belegschaft fit halten sollen. Auch die Kommunen leisten enorme demografiepolitische Arbeit, dies zeigte das gleichnamige Forum. Das IHK-Qualitätssiegel „Ausgezeichneter Wohnort für Fach- und Führungskräfte“ sowie andere Projekte bestätigten, dass nicht nur die Wirtschaft gefragt ist, geht es um Fachkräftesicherung. Im „Forum Europa“ stellten fünf Akteure vier spannende Projekte vor, mit denen es ihnen gelingt, Menschen für Ausbildungsberufe zu begeistern, ihre Kompetenzen zu stärken und etwaige Vorurteile gegenüber dem ein oder anderen Berufsbild zu entkräften. Alle werden zu großen Teilen mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert.

Im Rahmen eines „Goldfisch-Checks“ wurde die klassische Bewerbungssituation auf den Kopf gestellt: 33 Schülerinnen und Schüler der Philipp-Holzmann-Schule Frankfurt sowie des Gustav-Heinemann-Gymnasiums Rüsselsheim befragten dabei elf Unternehmensvertreter. Diese standen den Fragenden Rede und Antwort und konnten so erfahren, auf was es den jungen Menschen heute besonders ankommt. Dabei wurde deutlich: Den Berufsanfängern sind Übernahmechancen nach der Berufsausbildung besonders wichtig, aber auch Fortbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen sind für viele der Jugendlichen elementar.

Für viele der anwesenden Unternehmen war dieser Rollentausch eine neue Erfahrung – aber auch eine einmalige Möglichkeit, die eigene Arbeitgeberattraktivität auf den Prüfstand zu stellen. Die Unternehmensvertreter waren darüber überrascht, wie gut die Schülerinnen und Schüler auf die Fragerunde vorbereitet waren und gezielt Fragen stellen konnten. Auch Yunus Demircan, Berufsschullehrer an der Philipp-Holzmann-Schule, fand lobende Worte: „Für die jungen Leute war es eine wichtige Erfahrung, mal über den eigenen Tellerrand zu blicken und sich intensiv mit ihrer Zukunft zu beschäftigen.“