Nachbericht

Damit der Wagen rollt

Ein neues Veranstaltungsformat feiert Premiere – und gibt Unternehmen der Logistik- und Mobilitätsbranche frische Impulse.

Susanne Freifrau von Verschuer, IHK-Vizepräsidentin

Wenn ein Logistikunternehmen wie Fermont 88 Tage braucht, um eine Stelle neu zu besetzen, können Kunden schon mal ungeduldig werden. Ganz zu schweigen von der Mehrarbeit der übrigen Mitarbeiter, die sich mit Wochenendschichten, überschaubaren Löhnen und belastender Arbeit ohnehin nicht den einfachsten Job ausgesucht haben. Als IHK-Vizepräsidentin Susanne Freifrau von Verschuer in ihrer Begrüßungsrede über den Alltag in ihrem Unternehmen spricht, nicken die Köpfe von über 100 Personalverantwortlichen und Geschäftsführern aus ihrer Branche.

Sie alle kamen am 2. Juni in der IHK Frankfurt zusammen, um sich auf dem ersten HR-Summit Logistik & Mobilität über Chancen und Herausforderungen der Personalarbeit auszutauschen. In einer abwechslungsreichen Mischung aus Impulsvorträgen und Diskussionsrunden lernten sie Praxisbeispiele zur Mitarbeiterbindung sowie zur Integration ausländischer Fachkräfte kennen und diskutierten den Stellenwert der Human Resources innerhalb des Unternehmens.

Elke Wasser, Logistic Training Center

Elke Wasser, Logistic Training Center

Ein hausgemachtes Übel identifizierte Elke Wasser vom Logistic Training Center: „Die Personalabteilungen sind noch viel zu oft Erfüllungsgehilfen der Geschäftsführung. Stückwerk können wir uns auf Dauer nicht leisten, wenn wir den Fachkräftemangel effektiv angehen wollen.“ Denn: Der zunehmende Einfluss der Digitalisierung, die steigenden Anforderungsprofile auf Unternehmens- und die Erwartungshaltungen auf Bewerberseite erfordern eine stärker konzeptionelle Ausrichtung der Personalarbeit in der Transport- und Logistikbranche. Das ist eines der zentralen Ergebnisse des HR-Summit Logistik & Mobilität. In seinem Eröffnungsvortrag betonte Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bundesvereinigung Logistik (BVL), den Stellenwert der Digitalisierung. „Die Mensch-Maschine-Interaktion gehört zu den Key-Trends in der Logistik und wird sich langfristig auf Berufe wie Kraftfahrer oder Lokführer auswirken. Diese könnten in 20 Jahren vielleicht schon durch Computer und Roboter ersetzt werden. Darum müssen wir den Wandel aktiv gestalten.“

Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke, Frankfurt University of Applied Sciences

Einige Logistikunternehmen sehen dennoch kurzfristig keinen Handlungsbedarf im Hinblick auf die Digitalisierung. Laut einer Studie der Frankfurt University of Applied Sciences, die exklusiv auf dem Summit vorgestellt wurde, befindet sich die Branche noch in abwartender Haltung: „Der große Umbruch beim Thema Digitalisierung steht noch bevor“, so Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke, der die Studie verantwortlich betreute. Bei der Ludwig Meyer GmbH & Co. KG ist er hingegen längst vollzogen: „Die Digitalisierung hat bei uns längst begonnen“, erklärte Geschäftsführer Markus Bappert auf der hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion. „Das reicht vom Track & Trace bis hin zur bedarfsgerechten Aus- und Weiterbildung mittels unserer E-Learning-Plattform.“Weiterbildung ist ein weiterer zentraler Punkt der Studie: Rund 61 Prozent der Befragten sehen die Unterstützung der Mitarbeiter bei der Aus-, Weiter- und Fortbildung als motivationsfördernd an, allerdings ist lediglich etwa die Hälfte aller Befragten bereit, Mitarbeiter für Qualifizierungsmaßnahmen freizustellen. Grund dafür ist der hohe Termindruck.

Wertschöpfung durch Wertschätzung

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Rainer Hoppe, Geschäftsführer der A’PARI Consulting GmbH

Neben Arbeit 4.0 standen HR in neuer Rolle sowie internationale Mitarbeiter als Topthemen auf der Agenda des Summits. In den drei gleichnamigen Fachforen ging es um Best Practises und neue Lösungsansätze auch für kleinere Unternehmen. Was sich jeder leisten kann: ein nettes Wort zur rechten Zeit. Und die gibt es eigentlich immer, sowohl bei Disponenten als auch bei Geschäftsführern. Wie lohnend die Investition in den Mitarbeiter als Menschen – und nicht nur als Funktion – ist, verdeutlichten gleich mehrere Fallbeispiele. Und auch hier spielte die Digitalisierung als wichtiger Treiber eine Rolle. „Für die Mitarbeiter heißt das einerseits eine Entlastung von Routineaufgaben, andererseits aber steigende Anforderungen im Hinblick auf vernetztes Denken“, sagte Rainer Hoppe, Geschäftsführer der A’PARI Consulting GmbH. Der Erfahrungsaustausch unter den Teilnehmern machte deutlich, dass für sie vor allem das Zeitmanagement eine große Rolle spielt: Mitarbeiter wünschen sich mehr Möglichkeiten zu eigenständigem Arbeiten und Personalverantwortliche mehr Freiräume für strategische Planung. Firmen, die den nötigen Raum dazu gewähren, steigern ihren Attraktivitätsfaktor erheblich.

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Kai Schmuck, Leiter der Geschäftsentwicklung bei der Hans Ihro GmbH.

Bei der Thomas Duvenbeck Holding GmbH und der Hans Ihro GmbH fängt Wertschätzung schon im Recruitingprozess an. Um qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen, setzen beide Logistikdienstleister auf ausländische Fachkräfte. Das stellt die Unternehmen vor besonders hohe Anforderungen, sowohl zeitlich als auch sozial: von der Rekrutierung im Heimatland über die Organisation und Finanzierung des Transfers nach Deutschland bis hin zur Unterbringung sowie der Begleitung aller Behördengänge in Deutschland. „Das nimmt den Bewerbern eine große finanzielle und organisatorische Bürde ab. Und unsere Erfahrung zeigt, dass die meisten von ihnen gerne bei uns bleiben“, sagte Kai Schmuck, Leiter der Geschäftsentwicklung bei der Hans Ihro GmbH.

Der Mitarbeiter als interner Kunde: geschätzt, motiviert, wirklich wahrgenommen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen. Doch damit dies wirklich gelebt wird, braucht es Paradigmenwechsel in der Führung, mehr Bereitschaft, Neues zu wagen – Trial & Error braucht Rückendeckung. Reiner Rosenfeld, im früheren Leben Berufskraftfahrer, rundete die Veranstaltung mit seinen Einblicken in die ungeschminkte Wirklichkeit von Fahrern und ihren Disponenten ab.  Sein Fazit: Vorgesetzte bestimmen die Gefühle der Angestellten. Selbst im allerstressigsten Termingeschäft sollte deshalb immer die Zeit für ein freundliches „Bitte“ und „Danke“ bleiben. Und weil der Handlungsbedarf offenbar sehr groß ist, hat Rosenfeld auch gleich ein Buch geschrieben, um Disponenten zu helfen, wertschätzender mit ihren Fahrern umzugehen.

Zweite wichtige Erkenntnis vom Tage: Neben dem Vorleben durch Vorgesetzte ist die Personalabteilung nicht als interner Dienstleister, sondern vielmehr als strategischer Partner für den Betrieb gefragt. Dazu ist eine Trennung von Administration und Personalentwicklung entscheidend.

Das ist zwar alles kein Hexenwerk, aber es muss organisiert werden. Und wenn eine Branche das kann, dann die Logistik.

 

 Autoren:
Boris Kretzinger, Mainblick Agentur für Strategie & Kommunikation GmbH
Michaela Sadewasser, Mandelkern Marketing & Kommunikation GmbH

Vortrag „Handlungsfelder der Personalarbeit” Dipl. Ing. Janina Czernin, Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke, Frankfurt University of Applied Sciences
Vortrag „Die zukunftsfähige Logistik Flexibel, robust, nachhaltig” Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V.
Vortrag „Fahrer führen und binden“, Reiner Rosenfeld, best word & picture
Begleitende Ausstellung „Industrie 4.0 – Arbeit der Zukunft“, Advanced Foresight Group

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